Die Delphine im Haifischbecken

KR-ONE Magazin

Die Voraussetzung, um Spielerberater zu werden, sind denkbar einfach: Jeder Anwärter muss ein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen und einen Test mit 20 Fragen bestehen – wobei die Antwortmöglichkeiten bereits vorgegeben sind. Die Prüfung mit dem Schwierigkeitsgrad der Führerschein-Theorie ist die Eintrittskarte in einen Berufsstand, dessen Image sich am unteren Ende der Messlatte orientiert. Von Spielerberatern wird gesprochen wie über Politessen, Finanzbeamte oder Journalisten. Sie gelten als der Inbegriff unseriöser Gesellen, nur darauf aus, einen Fußballer zum Wechsel zu drängen und ihre Provision zu kassieren. Dass dies nichts anderes ist als ein weit verbreitetes Klischee, stellen zwei Krefelder unter Beweis. Die Nieperstraße in Traar ist der Sitz von Noack Sports. Die Agentur wird geführt vom 34-jährigen Marcus Noack und dessen acht Jahre jüngerem Bruder Johannes. Ihr Büro liegt auf einem Grundstück voller Grün, die Wände ihres Büros sind weiß. Die Noacks, das sind zwei smarte, junge Typen. Sie haben zuvor eine Firma geführt, die Events im Sportbereich organisiert. Jetzt sind sie Spielerberater. Das ist wie so vieles im Leben aus einem Zufallsprodukt entstanden: „Unser Bruder Thomas hat im Jugendfußball als Torwarttrainer gearbeitet. In dieser Funktion hat er den jungen Lewis Holtby entdeckt. Die Chemie zwischen den beiden hat sofort gestimmt“, fasst Marcus Noack die Anfänge der Agentur zusammen. Da war der spätere Nationalspieler Holtby, dessen Marktwert die Branche auf 7,5 Millionen Euro taxiert, gerade 15 Jahre alt. Thomas Noack konnte seinen Erfolg nicht lange auskosten. Er ist vor zwei Jahren bei einem Unfall ums Leben gekommen. Seine Brüder haben die Agentur übernommen. Sie sind gemeinsam mit ihrem wertvollen Schützling emporgestiegen.

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Als A-Jugendspieler erkämpfte sich Holtby einen Stammplatz im Zweitligakader von Alemannia Aachen. Marcus Noack beschreibt diese Entwicklung trefflich als „einen guten Karriereschritt für ihn, aber auch für uns“. Denn durch die Entwicklung des heute 23-Jährigen vom Jugend- zum Nationalspieler klopften immer wieder Manager, Trainer und andere Interessenten bei den Noacks an. Ihr Netzwerk konnten sie dadurch nachhaltig erweitern. Und Holtby ist offenkundig zufrieden: Sein Trikot vom Debüt in der DFB-Startelf 2011 hängt jetzt im Büro der Berater. Wie aber passt das mit dem Bild zusammen, das die öffentliche Meinung über Spielerberater bestimmt? Marcus Noack möchte am liebsten gar nicht über das negative Image seiner Zunft sprechen. „Natürlich gibt es viele schwarze Schafe, über die dann auch geschrieben wird. Aber das ist ja klar, solche Berichte verkaufen sich besser“, wiegelt er ab. Eine bemerkenswerte Verteidigungslinie zugunsten der Spielerberater. Dabei würde niemand auf die Idee kommen, die Traarer Agenturinhaber mit den mafiösen Gestalten aus den Zeitungsberichten in Verbindung zu bringen. Das Geschäftsmodell von Noack Sports ist ein anderes. Marcus und sein Bruder Johannes sondieren den Markt nach jungen Spielern, die ihre Entwicklung erst noch vor sich haben. Diese Spieler betreuen sie, umsorgen sie, investieren in deren Beine. Die Spieler sollen sich wohlfühlen und befreit trainieren können, denn dann, so die Rechnung, vertrauen sie den Noacks auch, falls sie zu Profis werden. Ein Investment mit hohem Unsicherheitsfaktor, das eine gute sportliche Entwicklung und die Redlichkeit der Klienten voraussetzt. „Wir machen damit gute Erfahrungen“, sagt Johannes Noack.

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Die Rundumbetreuung der Agentur wird ermöglicht durch ein breites Netzwerk an Ärzten, Bankern, Trainern und Mentalisten, die die Noacks ihren Klienten zusätzlich zur Betreuung in den Klubs vermitteln. „Diese Spezialisten arbeiten mit den Fußballern im Trainingsbereich etwa an Techniken, die bei den Einheiten mit der Mannschaft zu kurz kommen“, erläutert Marcus Noack. Was dahinter steckt ist der Gedanke, dass die Mitspieler im Verein vielleicht Kumpels sind – in allererster Linie aber Konkurrenten, die es auszustechen gilt. Sonderschichten gegen den Platz auf der Bank. Vor allem aber brauchen die überwiegend jungen Klienten von Noack Sports Fürsorge. „Wir haben zu allen ein vertrautes Verhältnis, sind Ansprechpartner in allen Lebenslagen“, skizziert der 34-Jährige die Beziehung zu seinen Kunden. Wenn Fußballdeutschland in diesen Tagen den Fernseher einschaltet, um Jogis Jungs in Brasilien die Daumen zu drücken, sind die Noacks als Zuschauer dabei. „In dieser Zeit läuft alles etwas ruhiger“, erklärt Marcus Noack. In ihrem speziellen Fall liegt das auch daran, dass Lewis Holtby dem erweiterten Kreis der Nationalmannschaft entrückt ist. „Es gab keinerlei Kontakt zum Bundestrainer oder dessen Team in den vergangenen Monaten“, stellen die beiden Brüder klar. Abgehakt haben sie und ihr Klient das Thema Nationalmannschaft aber noch längst nicht. Jetzt aber fahren sie erst einmal zusammen in den Urlaub. Holtby, die Noacks und ein weiterer Spieler. Gebucht ist ein gemeinsamer Sporturlaub in der Türkei. Die Fußballer sollen den Kopf freikriegen, sich entspannen. Ganz im Sinne der freundschaftlichen und unaufgeregten Art, mit der die Noacks ihre Geschäfte abwickeln. Trotzdem oder gerade deswegen können sie sich mit ihrem Modell behaupten – im Haifischbecken der Spielerberater.

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